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Drake Passage

von mrandmrssippy

Tag 5, Freitag, 30. November 2018 – Auf hoher See

Wir hatten unsere erste Nacht auf hoher See überstanden. Nach unserem Landgang in Puerto Williams ging die Fahrt auf dem ruhigen Beagle Kanal weiter südwärts.

Vor dem ersten Morgengrauen erreichten wir schliesslich die Drake Passage. Und ab da schaukelte es… Mal mehr und mal weniger – aber es schaukelte. Und zwar immer – 24 Stunden am Tag. Beim Schlafen, beim Essen, und auch beim Duschen war die permanente rechts/links Bewegung des kleinen Expeditionsschiffes (ohne irgendwelche Stabilisatoren) spürbar. Wie eine Achterbahnfahrt – nur, dass man hier nicht mal eben aussteigen konnte.

Die Sicherheitsregel Nummer 1 (immer mit einer Hand am Schiff festhalten) wurde gestern im gemütlichen Beagle Kanal noch belächelt. Ab heute war sie jedoch nicht mehr weg zu denken. Es war kaum ein Schritt auf dem Schiff möglich ohne dass man sich irgendwo festhielt. Einfache Dinge wie Zähne putzen, Schuhe binden oder kurz einen Kaffee holen, wurden plötzlich zur Herausforderung und zum Balanceakt. In den Kajüten musste deshalb alles festgebunden oder auf rutschfesten Matten (sogenannte Elefantenhaut) deponiert werden. Wir Passagiere eierten alle auf den Decks und in den Gängen herum, während unsere erprobte Crew von Antarctica21 locker auf dem Schiff herum spazierte. Respekt vor allen Seemännern die diese Passage vor Jahrhunderten noch in einfachen Segelschiffen ohne grossen Schutz vor Wind und Wetter befuhren.

War der Speisesaal am Vorabend noch gut gefüllt, dünnte sich dieser beim Morgen- und Mittagessen immer mehr aus. Viele der Passagiere lagen seekrank im Bett. Und wie war unser Befinden? Eigentlich ganz in Ordnung. Beim Abendessen erfuhren wir aus einer Unterhaltung zwischen unserer Bordärztin und dem Expeditionsleiter, dass sich bisher alle ausser zehn Passagiere gegen Seekrankheit behandeln liessen. Wir zwei gehörten zu den zehn, die bisher verschont blieben. Entweder waren wir inzwischen abgebrühte Matrosen oder wir verdankten unser Wohlbefinden der konsequenten Selbstmedikation mit Stugeron. Vermutlich Letzteres 🙂 .

Die Wellen in der Drake Passage hatten heute gemäss Crew etwa mittleres Ausmass (3-4 Meter hoch). Wir mögen uns nicht ausmalen, wenn wir schlechteres Wetter und rauhere See erwischt hätten. Es ist jetzt nicht so, dass uns vögeliwohl wäre. Auch uns ist ziemlich flau im Magen. Doch mehr oder weniger können wir einem geregelten Tagesablauf nachgehen. Die Nebenwirkungen unserer Tabletten zeigten sich in einer permanenten Müdigkeit. Dies liess sich mit Kaffee und regelmässigen Powernaps jedoch gut abfangen.

Und was treibt man so einen Tag lang auf einem Expeditionsschiff? Nun das ganze ist eigentlich ziemlich kurzweilig. Nach einem ausgiebigen Frühstück folgten verschiedene Vorträge zu diversen Themen (Entdeckungsgeschichte der Antarktis, Tierarten in der Antarktis, etc.). In unserer Crew sind Biologen, Glaziologen, Historiker, Geografen und viele andere schlaue Köpfe vertreten, von denen die meisten schon seit Jahrzehnten die Antarktis bereisen und erforschen.

Dazwischen hielten wir uns in der Panoramalounge des Schiffes auf und spähten nach Albatrossen oder Walfischen. Allerdings hielten wir dies jeweils nicht allzu lange aus. Die Lounge befindet sich im obersten Deck, wo die Bewegungen des Schiffes am stärksten spürbar sind. Nach jeweils einer Stunde machte sich Müdigkeit (vorallem bei Mrs. Sippy) und leichte Übelkeit (vorallem bei Mr. Sippy) bemerkbar und wir zogen uns wieder für ein kurzes Schläfchen in die Kajüte zurück. Die Aussendecks waren heute leider aufgrund des starken Seeganges gesperrt.

Am Nachmittag folgten wieder zahlreiche interessante Vorträge. Am frühen Abend findet jeweils ein kurzes „Daily recap & plan“ statt. Dabei fasst unser Expeditionsleiter Ben den vergangen Tag kurz zusammen und gibt einen Ausblick über die kommenden Stunden. Danach folgt das gemeinsame Nachtessen. Im Speisesaal gibt es keine Sitzordnung und so kommt es immer wieder zu spannenden Tischordnungen und Gesprächen mit anderen Passagieren oder den Crewmitgliedern. Immer wieder verblüffend wie viele Leute die Schweiz kennen und Verwandte, Bekannte oder schon selber als Gast in unserer Heimat waren.

Kurz gesagt bestand unser Tagesablauf aus Schlafen, Essen und Vorträgen. Das Essen auf dem Schiff ist genial und die vier Köche leisten in der engen Bordküche hervorragende Arbeit. Auch das Servicepersonal, welches trotz starkem Seegang scheinbar mühelos das Serviertablett mit Getränken und Geschirr durch den Speisesaal balancieren.

Die Drake Passage wird von unserer Crew als „Rite of Passage“ bezeichnet. Und genau das war sie – ein Übergangsritus auf dem Weg von der modernen Welt zur wilden und geheimnisvollen Antarktis.

Müde vom heutigen Tag (und den Tabletten) waren wir früh im Bett. Das Einschlafen fiel leider nicht ganz einfach, da man je nach Wellenbewegung im regelmässigen Takt mit der gesamten Matratze ein paar Zentimeter hoch und wieder runter rutschte. Im Zusammenspiel mit den schaukelnden Vorhängen vor unserem Fenster hatte das Ganze dann doch irgendwie etwas beruhigendes und irgendwann schliefen wir schliesslich ein.

Tag 6, Samstag, 01. Dezember 2018 – Ankunft in der Antarktis

Heute Morgen exakt um 10:03 Uhr erreichten wir einen Meilenstein auf unserer Expeditionsreise. Wir passierten den 60. Breitengrad Süd und waren damit offiziell in der Antarktis. Ab diesem Breitengrad gilt der Antarktis-Vertrag. Dieser soll das ökologische Gleichgewicht sicherstellen und besagt, dass die Antarktis nur friedlich und zur wissenschaftlichen Forschung genutzt werden darf. Der Abbau von Bodenschätzen und militärische Übungen sind in diesen Breitengraden untersagt. Und wäre das nicht alles schon genug speziell hatten wir das Privileg dies an einem Jahrestag zu erleben. Am 01. Dezember 1959, also auf den Tag genau vor 59 Jahren, wurde der Antarktis-Vertrag unterzeichnet.

Von unserem eigentlichen Ziel, den südlichen Shetlandinseln waren wir jedoch noch ein gutes Stück Fahrzeit entfernt. Somit folgte für uns der zweite Tag auf hoher See. Um uns herum nichts als der endlose Ozean und riesige Albatrosse die unsere Fahrt begleiteten.

Heute sah man wieder mehr Passagiere auf den Decks und im Speisesaal. Offenbar gewöhnten sie sich an den Seegang oder aber die Medizin der Ärztin tat ihre Wirkung. So langsam bewegten wir uns sicherer an Bord und eierten nicht mehr so herum wie am ersten Tag.

Nebst spannenden Vorträgen (Wale, Pinguine, Expeditionen von Shackelton) stand am Morgen das obligatorische Zodiac Briefing an. Da morgen unsere ersten Landgänge anstehen, wurden wir informiert, wie wir uns in den Zodiacs und an Land zu verhalten haben. Obligatorisches Briefing heisst, dass jeder Passagier teilnehmen muss. Also auch diejenigen, die den Vortag seekrank in ihrer Kajüte verbrachten. Man sah das eine oder andere kreidebleiche Gesicht und die Crew verteilte grosszügig Sickness-Bags.

Vor dem Mittagessen fand für alle der ebenfalls obligatorische „Biosecurity Gear Check“ statt. Alle äusseren Kleidungsschichten, Rucksäcke, Stative, etc. wurden kontrolliert, gesäubert und desinfiziert. So soll verhindert werden, dass beim morgigen Landgang Samen oder Keime von fremden Arten in das empfindliche Ökosystem eingeschleppt werden.

Beim abendlichen „Daily recap & plan“ wurde uns schliesslich das Programm für den morgigen Tag mitgeteilt. Etwa um Mitternacht sollten wir bei den südlichen Shetlandinseln eintreffen und dort ankern. Dies freute alle Passagiere unheimlich. Bedeutet dies doch, dass wir den Übergangsritus Drake Passage überstanden hatten und wieder in ruhigere Gewässer zurück kehrten. Ausserdem stehen morgen zwei Landgänge auf dem Programm, falls das Wetter mitspielt. Drückt uns die Daumen 🙂 .

Wer die Route der Ocean Nova mitverfolgen möchte, kann im Internet unsere aktuelle Position live tracken (auf der verlinkten Seite go to vessel anklicken).

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