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Snæfellsnes

von mrandmrssippy

Tag 11, Dienstag, 15. August 2017 – Im Reich des ewigen Eises

Heute Morgen hiess es wiedermal Thermo-Unterwäsche, Bergschuhe, dicke Jacke, Handschuhe und Wintermütze montieren. Dies nicht aber etwa weil das Wetter schlecht gewesen wäre, nein wir hatten andere Pläne.

Heute stand eine Gletschertour im Langjökull auf dem Programm. Ja richtig, im Gletscher und nicht oben drauf. Wir fuhren mit unserem Mietwagen bis nach Húsafell. Von dort aus ging es in einem  Offroad-Bus (mit einem ähnlichen sind wir am zweiten Tag bereits in Hochland gefahren) ins Klaki Base Camp direkt am Gletscher.

Der Langjökull (isländisch für Langer Gletscher) ist der zweitgrösste Gletscher in Island. Seine gewaltige Eisschicht ist bis zu 600 m dick. Auf seiner Spitze wurde ein Höhlensystem ins Eis gegraben – und genau dieses war unser Ziel.

Vom Klaki Base Camp wurde unsere Gruppe in riesigen 4-achsigen Expeditionsfahrzeugen auf den Gletscher transportiert. Unser Guide Ragnar erklärte uns, dass diese Fahrzeuge im Kalten Krieg für den Transport von Langstreckenraketen verwendet wurden. Nach der Ausmusterung wurden sie in Island zu Gletscherfahrzeugen umgerüstet und werden seither für Forscher, Touristen oder Rettungsaktionen verwendet. Die Reifen der Fahrzeuge wurden speziell für den Gletscher entwickelt. Der Fahrer kann in der Fahrkabine die Reifen mit Luft versorgen oder die Luft pneumatisch herauslassen. Fährt der Truck durch Schnee lässt er die Luft aus den Reifen, so bleibt er nicht stecken. Fährt er anschliessend wieder durch Eis wird der Reifen wieder mit Luft gefüllt. Hierzu muss der Truck nur ca. 10 Sekunden anhalten und die gesamte Luft ist wieder drin. Interessant, wie sich die Isländer zu helfen wissen.

Die rund 30 minütige, etwas holprige, Fahrt über den Gletscher war sehr kurzweilig. Jetzt im Sommer ziehen sich überall kleine Bäche aus Schmelzwasser durch das Eis.

Oben angekommen, machten wir uns sofort auf in den Gletschertunnel. Dabei wurde es mit jedem Schritt kälter. Die Temperatur im Gletscher beträgt 0 Grad und überall tropft eiskaltes Wasser von der Tunneldecke – wasserdichte, warme Kleidung und Schuhe sind definitiv zu empfehlen.

Die Tour war schlichtweg atemberaubend. Die weissen und blauen Farben des glänzenden Eises, die Totenstille, die beissende Kälte und die geniale Akustik (Ragnar gab sogar eine kleine Karaoke-Einlage von sich) beeindruckten uns sehr. Im Herzen des Gletschers existiert ein eigenes Wassersystem bestehend aus unzähligen Bächen und Seen. Riesige Gletscherspalten bahnen sich in auf bizarre Weise ihren Weg.  In den gewaltigen Eismassen kamen wir uns ziemlich winzig vor. Buchstäblich kalt den Rücken herunter lief es uns, als die Beleuchtung im Tunnel ausfiel und wir für einen kurzen Moment in absoluter Dunkelheit und Stille im ewigen Eis standen.

Nach rund einer Stunde war die Tour leider bereits wieder Geschichte und wir kamen aus dem eisigen Tunnelsystem wieder ans Tageslicht. Dem Eis so Nahe zu sein und mittendrin zu stehen, war ein unvergessliches Erlebnis. Solche Augenblicken lassen sich kaum in Worte fassen. Man kann es nicht erklären, was in einem vorgeht, wenn man in der Kälte steht, aber einem ums Herz ganz warm ist, weil man sich in diesem Moment absolut bewusst ist, was wir hier erleben dürfen. Wir schliessen diese Momente ganz fest in unseren Herzen ein.

Mit dem Expeditionsfahrzeug ging es zurück zum Base Camp. Unterwegs mussten wir mehrmals anhalten, da wir auf Touristen stiessen, die in Halbschuhen, ohne Plan und Kenntnisse – noch dazu im isländischen Hochsommer – munter auf dem Gletscher herum spazierten. Unsere Guides machten die Leute jeweils freundlich aber bestimmt darauf aufmerksam, dass so ein Ausflug ohne genaue Kenntnisse des Eises nicht selten tödlich in einer Gletscherspalte enden kann. Aber wie so oft, wissen es die Leute offenbar besser und sie liessen sich dadurch nicht gross beirren.

Zurück und wieder aufgewärmt in Húsafell hatten wir noch eine rund 2.5 stündige Fahrt vor uns. Das heute Tagesziel war die bekannte Halbinsel Snæfellsnes in Westisland. Genauer gesagt das alte Fischerdorf Hellnar direkt am Fusse des Snæfellsjökull.

Müde von den Eindrücken im ewigen Eis und der Autofahrt war eigentlich zeitig ins Bett gehen auf dem Programm, da morgen die Erkundung der Halbinsel ansteht. Der Sonnenuntergang und der Himmel hinter dem Snæfellsjökull waren jedoch zu spektakulär. So kam es, dass wir nochmals mit der Kamera loszogen – und schwupps wieder zwei Stunden um waren 🙂

Tag 12, Mittwoch, 16. August 2017 – Auf den Spuren von Professor Lidenbrock

Heute Morgen um 05.00 Uhr brannte der Himmel über Hellnar förmlich im Morgenrot. Dies bescherte uns eine ungeplant frühe Tagwache und eine rund einstündige Fotosession an der Küste. Das Licht und die Ruhe frühmorgens an den Klippen waren herrlich. Man hörte lediglich die Möwen und die Brandung. Anschliessend legten wir uns nochmals zwei Stunden Schlafen bis unser Tagesprogramm startete.

Um 09.30 brachen wir schliesslich in unserem Mietwagen zur Erkundung von Snæfellsnes auf. Wir starteten im Süden und fuhren die Halbinsel im Gegenuhrzeigersinn ab. Unser erstes Ziel war die Robben-Kolonie an der Bucht Ytri-Tunga. Wir sassen lange am Strand, schauten den drolligen Tieren beim Schwimmen zu und genossen die Ruhe bevor die Touristenbusse aus Reykjavík eintrafen.

Das nächste Highlight erwartete uns im Norden der Halbinsel in Form des Hafenstädtchens Stykkishólmur. Die grosse Hafenanlage und die vielen kleinen, farbigen Häuser sind sehr charmant. Hier wurde übrigens die Grönland-Szene von The Secret Life of Walter Mitty gedreht, wo Walter nach dem Pub in den Helikopter des leicht angetrunkenen Piloten steigt.

Weiter ging es die Nordküste entlang westwärts. Snæfellsnes wird immer wieder als „Island in Miniatur“ bezeichnet. Mittlerweile können wir dies bestätigen: Man sieht grüne Wiesen, schwarze Strände, Vulkankegel, bizarre Lavafelder, Passstrassen, Seen, Klippen, schneebedeckte Vulkane, Wasserfälle, kontrastreiche Gebirgszüge – kurz gesagt, die Halbinsel bietet auf kleiner Fläche nahezu alles was wir bisher in Island gesehen haben.

Der Höhepunkt des Tages folgte jedoch am Nachmittag. Nach der Tour durch die Gletscherhöhle gestern, folgte heute eine Tour durch die Lavahöhle Vatnshellir. Diese liegt direkt am Fusse des Snæfellsjökull – der Vulkan, in dessen Krater Professor Lidenbrock in Jules Verne’s Roman den Zugang zum Mittelpunkt der Erde findet.

Ausgerüstet mit Helm und Taschenlampe stiegen wir eine Wendeltreppe hinunter in die absolute Dunkelheit. Die Isländer bezeichnen den Abgang als das Tor zur Unterwelt. Mit jedem Schritt wurde es kälter (Déjà-vu von der gestrigen Gletscherhöhle…). Auch hier sind gutes Schuhwerk und warme Kleidung empfehlenswert. Wir kletterten nur im Licht der eigenen Taschenlampe durch ein Höhlensystem, welches die Lavaströme vor tausenden Jahren beim Ausbruch des Snæfellsjökull bildeten. Rund 200 m lang und bis zu 35 m tief reicht dieses in die Erde. Unzählige bizarre Lavaskulpturen und wunderschöne farbige, oxidierte Gesteinsschichten erscheinen im Lichtkegel der Taschenlampe. Wie beim Ausfall der Beleuchtung in der Gletscherhöhle auch hier sehr bedrückend die Dunkelheit und die Stille als wir alle unsere Lampen ausmachten. Man hörte lediglich die Wassertropfen, welche ihren Weg durch das vulkanische Gestein bahnten und auf den Boden der Höhle fielen. Eine nette Hommage an Jules Verne’s Roman findet sich in Form eines Wegweisers aus Holz, der mit dem Text „Stromboli 3’597 km“ in die Tiefe zeigt.

Leider endete unsere Tour bis (fast) zum Mittelpunkt der Erde und wir stiegen durch die Tunnel und via Wendeltreppen wieder ans Tageslicht. Wir warm es in Island doch sein kann, wenn man aus einer eiskalten Höhle kommt 🙂 Als wir draussen ankamen, waren wir glücklich, so etwas Tolles erlebt zu haben. Aber uns wurde auch bewusst, dass mit dem Herauskommen aus der Höhle auch unsere Reise langsam aber sicher dem Ende zugeht. Ein wenig wehmütig stiegen wir deshalb wieder in unseren Mietwagen und fuhren der Küste entgegen und sammelten nochmals so viele Eindrücke wie möglich.

Hier geht unsere Reise weiter!

Anfang verpasst? Hier geht’s los!

 

 

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